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Pressespiegel

Mit der Sprechschlange auf Erfolgskurs

30.11.2017, Therapiezeit Im Sprachheilzentrum in Meisenheim wird Jungen und Mädchen stationär geholfen

Von unserer Redakteurin Cordula Kabasch

 

MEISENHEIM Fußgetrappel und Kinderstimmen dringen vom oberen Stockwerk in den gemütlichen Therapieraum. Die zehnjährige Seline sitzt am Tisch und liest ihrer Therapeutin Sarah Halliday aus einem Buch vor. Das Mädchen hält den Kopf tief über die Seiten gebeugt. „Ein Hecht ist im Wasser. Er wohnt im Fluss.“ Seline liest flüssig, aber das ist keine Selbstverständlichkeit für sie.

 

Lange konnte das fröhliche Mädchen mit dem ansteckenden Lachen kaum sprechen. Mit sieben Jahren bildete Seline einfache Zwei-Wort-Sätze und verfügte damit über den Sprachschatz eines zweijährigen Kindes. Das hat sich geändert. „Weihnachten bin ich zu Hause“, sagt sie und strahlt.

 

Ihr Finger folgt den gedruckten Worten. Seline ist seit Januar im Sprachheilzentrum in Meisenheim, es ist ihr zweiter Aufenthalt. Als Vorschulkind war sie schon einmal in der Einrichtung, einer Abteilung des Gesundheitszentrums Glantal auf dem Liebfrauenberg. Auch damals ohne ihre Eltern wie alle Kinder, die in Meisenheim stationär behandelt werden. Der Aufenthalt dauert mindestens 12 Monate bis hin zu 18 Monaten.

 

Selines Diagnose: Sprachentwicklungsstörung schwersten Grades. Sie prägte ihren bisherigen Lebensweg. Das Mädchen geht auf eine Förderschule für Gehörlose, obwohl sie körperlich nicht beeinträchtigt ist. „Dort wird sie sehr gut gefördert“, erklärt Sarah Halliday. Seline hat übrigens zwei Geschwister, und sie sprechen ohne Schwierigkeiten. Ihre Mutter litt jedoch unter ähnlichen Symptomen. Eine erbliche Komponente ist bei dieser Art Störung möglich, weiß Belinda Fuchs, Therapeutische Direktorin des Sprachheilzentrums.

 

Seline ist eins von 53 Kindern im Sprachheilzentrum. Fast alle haben etliche ambulante Behandlungsversuche bei Logopäden und Ergotherapeuten hinter sich. Die meisten verfügen über mindestens eine durchschnittliche Intelligenz. Eingeschränkt sind die wenigsten. Einige hatten in ihrer frühen Kindheit mehrfach Mittelohrentzündungen, bei anderen gibt es eine familiäre Häufung an Sprachentwicklungsstörungen so wie bei Seline, und mit manchen Kindern wird zu Hause schlicht zu wenig gesprochen - es fehlt an geeigneten Sprachvorbildern. Auch können Traumata wie Missbrauch oder Misshandlung zu einer Störung beitragen, doch das ist nach Erfahrung der Therapeuten eher selten der Fall. „Es ist ein Ursachengeflecht, das zu einer Sprachentwicklungs- oder Kommunikationsstörung führt“, erklärt Leiterin Belinda Fuchs. Und so kann auch oft nicht der eine Grund benannt werden, der alles erklärt und nach dem gerade Eltern verzweifelt suchen.

 

Ganz genau wissen also selbst Experten nicht, wie es zu der Störung kommt, und im Grunde spielen Ursachen für die Therapie eine untergeordnete Rolle. Wichtiger ist, worauf man aufbauen kann. Bei allen jungen Patienten mit einer Sprachentwicklungsstörung sind die vier Bereiche Aussprache, Grammatik, Wortschatz und Sprachverständnis stark beeinträchtigt. Bei Kommunikationsstörungen wiederum schweigen die Kinder, was in seiner extremen Ausprägung Mutismus genannt wird. „Ich habe bei einem Kind erst einmal wochenlang Beziehungsarbeit geleistet, ehe wir mit der Therapie beginnen konnten“, erzählt Sarah Halliday. Am Anfang steht immer Vertrauen.

 

Seline jedenfalls hat gut sprechen gelernt. Ihr Freund Thure ist ebenfalls auf einem erfolgreichen Weg. Manchmal hat sie gemeinsam mit dem Achtjährigen Therapie, und dann legen sie am Tisch bei Sarah Halliday Bilderkarten aus und erfinden eine Geschichte dazu. „Die Schlange gegessen, dann Feuer gespuckt. Ist eine Feuerschlange“, fabuliert Thure. Diplom-Pädagogin Sarah Halliday wiederholt die Sätze grammatikalisch korrekt: „Die Schlange hat gegessen, dann hat sie Feuer gespuckt. Wie geht die Geschichte weiter, Seline?“ Thure hat lange lernen müssen, um zu verstehen, wann man in einer Satzkonstruktion die Worte „hat“ und „ist“ verwendet.

 

„Wir haben herausgefunden, dass ,ist' häufig für eine Bewegung benutzt wird“, erklärt seine Therapeutin. „Er ist gelaufen“, sagt sie zu Thure, der das wiederholt und dabei durchs Zimmer geht, denn mit Laufen, Springen und Singen lässt sich vieles leichter lernen.

Morgens werden Seline und Thure in den Hauptfächern Deutsch und Mathematik unterrichtet, wobei Deutsch in die Therapiestunden integriert ist. Das kann auch mal im Zauberzimmer sein, das fast ganz in Weiß eingerichtet ist. Die Rollläden sind heruntergelassen, und kleine Birnchen unter einem Stoffbaldachin erhellen den Raum. Thure und Seline toben auf den Matratzen. Nachmittags spielen die beiden draußen, fahren Rad oder Roller. Und weil Fachpersonal dabei ist, übt sich das Sprechen im Laufe der Zeit immer mehr ein.

„Wenn meine Sprechschlange voll ist“, antwortet Thure auf die Frage, wann die Therapie für ihn vorbei ist und er nach Hause fährt. Vor sich hat er das Bild einer Schlange, die bunt angemalt ist. Jede Farbe und jedes Feld stehen für einen Lernerfolg. Es ist nur noch ganz wenig weiß.

 

Oeffentlicher Anzeiger, 30. November 2017

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