Zu den Inhalten springen

Navigation

Suche

Servicenavigation

Funktionen

| Schriftgröße
 

Kontextnavigation

Pressespiegel

Pilotprojekt Gesundheitszentrum Glantal in Meisenheim

23.07.2014, Wenn kein Stein auf dem anderen bleibt, wird der Weg frei für Neues

MEISENHEIM. Mitten und unten in der Stadt Meisenheim liegt schon seit vielen Jahrzehnten das kleine Stadtkrankenhaus „Hinter der Hofstadt“. 60 Betten (Innere Medizin, Chirurgie, Gynäkologie) stehen für die Bürgerinnen und Bürger bereit. Doch kleine Häuser hatten es schon so manches Mal ziemlich schwer. Und auch für das kleine Haus in Meisenheim stand die Existenz auf dem Spiel: Das Land überlegte Mitte der 90er Jahre das Stadtkran­kenhaus aus dem Landeskrankenhausplan zu nehmen. Die Empörung der Meisenheimer war groß: Hunderte von ihnen demonstrierten gegen die Schließung der kleinen Klinik. Mit Erfolg.

Eine Schließung hätte die Gesundheitsversorgung in Meisen­heim und Umgebung schwer getroffen. Das kleine Städtchen Meisenheim, in dem 3000 Menschen leben, liegt im Tal des Flusses Glan am nördlichen Rand des Nordpfälzer Berglandes. Bezaubernd sagen die einen; in der Mitte von Nirgendwo die anderen. Fakt ist: In der Region hat das kleine Meisenheim eine wichtige Versorgungsfunktion. Denn Meisenheim ist erst in einem Radius von 30 bis 40 Kilometern umrundet von größeren Städten wie Bad Kreuznach, Alzey, Kaiserslautern, Kusel und Kirn.

In Meisenheim gibt es aber auch noch ein zweites kleines Krankenhaus: oben „Auf dem Liebfrauenberg“. Es ist ein Zentrum für Akutneurologie, neurologische Rehabilitation, Chirurgie und Unfallchirurgie, Innere Medizin und hat zudem ein landesweit einmaliges Sprachheilzentrum, in dem sprachbehinderte Kin­der, Jugendliche und Erwachsene ambulant und stationär behandelt werden können.

Beide Häuser gehören seit einigen Jahren zum Landeskrankenhaus. Beide Betriebsstätten zusammen sind die Glantal-Klinik Meisenheim. Verteilt auf zwei Standorte, die per Luftlinie rund zwei Kilometer voneinander entfernt liegen, bietet die Glantal-Klinik 65 Betten für die neurologische Akutbehandlung (vier Betten davon gehören zur regionalen Schlaganfalleinheit), 20 Betten in der Chirurgie und 25 Betten in der Inneren Medizin. Zusätzlich stehen 30 Betten für die neurologische Reha zur Verfügung. Ferner gibt es 53 Plätze im Sprachheilzentrum.

Doch auf Dauer zwei Standorte parallel in Betrieb zu halten, kostet sehr viel Geld und ist unwirtschaftlich. Vieles wie Bereitschaftsdienste, Labore, Ausstattung und Personal muss doppelt vorgehalten werden. Das ist teuer und in Zeiten knapper Mittel nicht mehr leistbar. Als Dr. Gerald Gaß 2008 als Geschäftsführer seine Arbeit im Landeskrankenhaus aufnahm, stellte ihn Meisenheim vor eine große Herausforderung.

Eine Lösung musste her. Oberstes Gebot: Der Standort Meisenheim bleibt erhalten, denn sein Einzugsgebiet erreicht fast 30.000 Bürgerinnen und Bürger. Das Zukunftsszenario: Beide Betriebsstätten werden zusammengeführt. Gesagt, getan. Das Großprojekt nahm an Fahrt auf. Aus der Idee wurde das derzeit größte zukunftsweisende Pilotprojekt in Rheinland-Pfalz. Seit Herbst 2012 laufen die Bauarbeiten. Nach 13 Monaten Bauzeit wurde auf dem Liebfrauenberg bereits Richtfest gefeiert. Kein Stein ist auf dem anderen geblieben – weder baulich noch gedanklich. Viele Neuerungen ergänzen die Zusammenfüh­rung der beiden Betriebsstätten. Unglaublich viel Engagement, Kreativität und auch Herzblut fließen in das neue Projekt ein.

Das Projekt in aller Kürze: Beide kleinen und alten Häuser aus den 60er Jahren werden geschlossen beziehungsweise abgerissen und in einem Neubau auf dem Liebfrauenberg zusammengeführt. Im oberen Meisenheim entsteht somit nun das neue Gesundheitszentrum Glantal mit 120 Betten für Neurologie, Chirurgie und Innere Medizin sowie 30 Reha-Plätzen. Vorgesehen sind nur Ein- und Zweibettzimmer.

Landesweit einmalig dabei ist die Errichtung einer Abteilung für interdisziplinäre Grundversorgung. Hier können bettenunabhängig Patienten aus den Gebieten Gynäkologie, HNO, Orthopädie und Urologie gleichermaßen behandelt werden. Das Klinikangebot ergänzen zudem eine Bereitschaftsdienstzentrale und der Notarztstandort mit Rettungshubschrauber.

Hinzu kommt das Medizinische Versorgungszentrum, welches das Landeskrankenhaus seit 2011 unten in der Stadt betreibt. Das Landeskrankenhaus hatte Sitze der dortigen, ehemaligen Praxis in der Stadt übernommen. Fest steht: Der hausärztliche Sitz verbleibt weiter unten in der Stadt; der neurologische Sitz wandert hoch in das neue Filial-Facharztzentrum im Klinikneu­bau.

Das Filial-Facharztzentrum ist ein weiterer zukunftsweisender Versorgungsschritt. In diesem Zentrum können ambulant tätige Ärztinnen und Ärzte verschiedener Richtungen ihre Leistungen unter einem Dach anbieten. Die Idee: Die Fachärzte haben weiterhin ihren Hauptsitz in ihren eigentlichen Praxen, können aber in ihrer Filiale im Neubau tageweise Leistungen anbieten. Das Ziel: Die direkte Verbindung der Facharztpraxis mit der Klinik erleichtert die sektorenübergreifende Versorgung und bindet so auch wieder die Ärzte aus der Region an Meisen­heim.

Hinter dem Großprojekt in Meisenheim steht auch das Gesundheitsministerium. Das Land fördert das Projekt mit fast 29 Mil­lionen Euro. Auch das Landeskrankenhaus investiert viel: über 15 Millionen Euro aus eigenen Mitteln. „Dieses Geld ist gut angelegt“, so Geschäftsführer Gaß. Denn das neue Gesundheitszentrum Glantal sichert die Zukunft der Gesundheitsversorgung in der Region für Jahrzehnte.

Das Gesundheitszentrum will nicht nur neue Versorgungsstruk­turen, sondern strebt auch das Qualitätssiegel „Green Hospital“ an. Alle Facetten eines nachhaltigen Energiekonzepts müssen hierfür eingehalten werden: von der Kühlung über die Wärmedämmung bis zu Schadstofffreiheit und Schallschutz. Die Signale, das Siegel zu bekommen, stehen auf Grün; die ersten Vorstufen hierfür wurden bereits erfüllt.

Als die ersten Überlegungen aufkamen, wie es in Meisenheim weitergehen soll, wurde alles offen auf den Tisch gelegt. Heilige Kühe gab es nicht. Soll sich Meisenheim mit Spezialisierungen Nischen suchen oder nicht, soll es in Konkurrenz gehen zu den umliegenden Häusern oder nicht? Braucht Meisenheim eine Wirbelsäulenchirurgie oder Herzkatheterplätze oder nicht? Doch rasch wurde klar: Meisenheim bekommt sein eigenes Profil und bleibt der Grundversorgung treu. Schließlich zeigen die Erfahrungen, dass 70 bis 80 Prozent der normalen Leistungen mit der Grund- und Regelversorgung abgedeckt werden können, berichtet Gaß. Zudem zeigt der Blick in die demografische Entwicklung, dass die Region Meisenheim überdurchschnittlich schneller altern wird als andere Regionen. Gaß: „Wir werden bei unserem Angebot verstärkt die ältere Generation berücksichtigen. Also mehr Schwerpunkte auf Erkrankungen wie Demenz, Parkinson oder Schlaganfall legen.“ Gut sei es daher auch, dass in der neuen Klinik in der Neurologie sowohl Akutbehandlung als auch Reha unter einem Dach angeboten werden können.

Im Blick war natürlich auch der beginnende Fachärztemangel im ambulanten Bereich. Viele von ihnen waren bereits in andere Regionen wie Bad Kreuznach, Sobernheim und Kusel abgewandert oder gehen in den nächsten Jahren in Ruhestand. Mit Hilfe des neuen integrierten Gesundheitszentrums will Gaß diesen Abwanderungstrend stoppen. Möglich macht ihm dies das Vertragsarztänderungsgesetz, welches Ärztinnen und Ärzte die Arbeit auch in Filialen erlaubt. Das neue Zentrum wird daher Räume und Organisationsstrukturen zur Verfügung stellen, damit Fachärzte auch dort ihre Sprechstunden abhalten können. Gaß: „Es steht alles bereit. Die Ärztinnen und Ärzte brauchen es nun nur noch mit Leben füllen!“

Völlig neu ist auch die Abteilung für interdisziplinäre Grundversorgung, die in der neuen Klinik entsteht. 30 Betten stehen hier bereit. Der Charme: Niedergelassene Ärztinnen und Ärzte kön­nen ihre Patienten hier stationär weiter betreuen. Die innerbe­triebliche Flexibilität ermöglicht eine Bettenbelegung je nach Fachbereichs-Bedarf. In Meisenheim verabschiedet man sich von der Routine, alles nur isoliert betrachten zu müssen. Der Blick fürs Ganze wird wichtig.

Hinzu kommt die Telemedizin. Insbesondere in der Teleradiologie soll sie unterstützen. Gaß: „Wir müssen nicht jede Kompetenz im Haus haben. Aber die Verbindung zu denen, die sie haben, ist wichtig.“

Und wie sehen die Niedergelassenen in der Region dieses Angebot? „Es soll keineswegs Konkurrenz bedeuten“, erklärt Gaß, „sondern vielmehr eine Bereicherung und Ergänzung.“ Bereits im Vorfeld habe er dies mit den Ärztinnen und Ärzten in der Region besprochen. Im Filialarztzentrum soll es auch keine hausärztliche Versorgung geben. Diese bleibt unten in der Stadt im MVZ bestehen. Das neue MVZ oben in der neuen Klinik wird mit einer neurologischen Grundversorgung beginnen und sukzessive mit Chirurgie und Innerer Medizin aufstocken.

Und das kleine Stadtkrankenhaus „Hinter der Hofstadt“? Das wird vermutlich Ende des Jahres geschlossen, wenn das neue Gesundheitszentrum Glantal oben auf dem Berg seinen Betrieb aufnimmt. Sein Leistungsangebot verschmilzt dann in der neuen Glantal-Klinik. Und die Gebäudeteile der alten Klinik auf dem Liebfrauenberg werden dann endgültig abgerissen. Politiker, Mitarbeiter und Bevölkerung sind sich einig: „Der Tag, an dem die Entscheidung für das neue Konzept fiel, war ein guter Tag für Meisenheim.“

Ärzteblatt Rheinland-Pfalz, Juliausgabe 2014

© Gesundheitszentrum Glantal 2017 | Impressum | Haftungsausschluss