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Pressespiegel

Erst Sprache erschließt Kindern die Welt

17.06.2005, Reinhold Marx vom Sprachheilzentrum Meisenheim referierte vor 80 Erzieherinnen

Fast jedes fünfte deutsche Kind zwischen drei und vier Jahren hat Probleme, richtig sprechen zu lernen. Wie sie deren Schwächen erkennen und richtig darauf reagieren können, das erführen 80 Erzieherinnen aus den beiden Kreisen Bad Kreuznach und Birkenfeld in der Kreisverwaltung.

„Abbahamabumi“ – solche Worte kann Reinhold Marx durch seine langjährige Erfahrung als Leiter des Sprachheilzentrums Meisenheim verstehen. Ein Fünfjähriger wollte damit „Apfelsaft-Sprudel“ sagen. Marx erläuterte rund 80 Erzieherinnen im großen Sitzungssaal der Kreisverwaltung, wie sie auch weniger auffällige Sprachstörungen rechtzeitig erkennen und wie sie darauf reagieren können.

Eine mangelnde Aussprache, ein zu geringer Wortschatz, falscher Satzbau und Probleme, den Sinn von Worten zu begreifen – das zählte Marx als die häufigsten Sprachstörungen auf. Er bedauert, dass viele Experten es ablehnen, sich um Sprachprobleme der Jüngsten zu kümmern. Die Sprachentwicklung sei im Normalfall bereits mit vier Lebensjahren abgeschlossen. Was bis dahin nicht erlernt worden sei, lasse sich später nur sehr schwer wieder ausgleichen. Eltern rät er, sich nicht von Ärzten damit abspeisen zu lassen, dass ihr Kind lediglich ein „Spätzünder“, aber ansonsten normal entwickelt sei.

„Sprache erschließt die Welt und durchdringt alle Lebensbereiche“ – so begründet Marx, warum Erzieherinnen Sprachförderung in den Mittelpunkt ihrer täglichen Arbeit rücken sollten. Auch die Landesregierung widme sich verstärkt dem Thema. Sie setze dafür ein Vielfaches an Fördermitteln ein als noch vor Jahren, informierte Andreas Domann vom Kreisjugendamt.

Vielen Kindern falle es schwer, den Inhalt mancher Worte zu begreifen. Das verdeutlichte Marx mit einem Beispiel aus seiner Berufspraxis: Ein Junge erzählte ihm zehn Minuten lang von Benjamin Blümchens Abenteuer als Postbote. Später stellte sich heraus, dass der Junge überhaupt nicht wusste, was ein Postbote ist. Er hatte noch nie einen Briefträger gesehen, kannte aber das Hörspiel über den Elefanten Benjamin auswendig. Er gebrauchte viele Wörter lediglich wie leere Hülsen – ohne sich über deren Inhalt bewusst zu sein.

Marx bedauerte, dass viele Kinder durch Medien-Dauerberieselung den Bezug zur Wirklichkeit verlieren. Die Drei- bis Vierjährigen säßen im Schnitt täglich 90 Minuten vor der „Glotze“. Dieser Realitätsverlust mache auch vor Erwachsenen nicht Halt. Marx erzählte, dass sich einmal 12.300 Serienfans um eine frei gewordene Wohnung in der „Lindenstraße“ beworben hätten. Er riet den Erzieherinnen, beim Vermitteln von Begriffen mehrere Sinne anzusprechen. Beispielsweise könnten sie gleichzeitig mit den Kindern das Bilderbuch der kleinen Raupe „Nimmersatt“ ansehen und dabei einen wurmstichigen Apfel zeigen. Bis zu 50mal müsse ein Kind ein Wort im Zusammenhang hören, bevor es in dessen aktiven Wortschatz aufgenommen sei, erläuterte Marx.

Im hektischen Kindergartenbetrieb falle ein Kind mit Sprachproblemen manchmal nicht auf, weiß Marx. Deshalb stellte er seinen Zuhörerinnen ein sogenanntes Screening-Verfahren vor. Bei diesem Test wird das Sprachvermögen des Kindes unter vier Augen über einen kurzen Zeitraum beobachtet. Die Erzieherinnen sollen sich aber nicht nur auf die Ergebnisse dieser „Momentaufnahme“ stützen. In die Entscheidung, ob und welche Sprachförderung ein Kind braucht, sollten die Eindrücke der Erzieherinnen aus dem Alltag einfließen.

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